Brandauers pralle Mozart-Briefe - Schauspielstar und das Daniel Hope Ensemble gastieren beim Festival Mitte Europa
Pressespiegel.de, von Volker Müller http://www.freiepresse.de/NACHRICHTEN/KULTUR/605109.html Helmbrechts. Die Verdienste des Abbé Joseph Nepomuk Bullinger (1744 -1810) um die Familie Mozart sind zweifellos unschätzbar. Er stellte mit seiner ausgleichenden Art mehr als einmal den Frieden wieder her. Neuerdings steht der Schwabe auch in den Diensten des Klaus Maria Brandauer (62). Das war zu erfahren am Samstagnachmittag beim Festival Mitte Europa, als der Schauspieler vom Wiener Burgtheater in der nahezu restlos gefüllten Helmbrechtser Johanniskirche aus Mozart-Briefen las.
Der Gast beschränkte sich auf die Zeit der zweiten Parisreise (vom September 1777 bis Januar 1779), ein besonders konfliktträchtiges Kapitel. Vater und Sohn werden sich zum ersten Mal so richtig uneins, das Genie zweifelt zum ersten Mal so richtig an sich selbst, erlebt die ersten handfesten Leidenschaften, worunter wohl auch das Augsburger Bäsle zu zählen ist, und die Mutter stirbt unterwegs. Der Briefwechsel, der sich darüber zwischen Leopold und Wolfgang entspinnt, hat streckenweise literarische Qualitäten, stellt in seiner Lebendigkeit und Raffinesse manches in den Schatten, was etwa im klassischen Weimar zu Papier gebracht wurde. Brandauer macht das Feine, Literarische erbarmungslos theatertauglich, formt aus dem wirren Hin und Her der Meinungen und Andeutungen treffsicher eine pralle Familiensaga. Der Mime schaut nach Belieben in die Köpfe und fördert große wie kleine Wahrheiten zutage, von denen der Mozartfreund, vom Forscher ganz zu schweigen, nicht einmal zu träumen wagt. Brandauer schlüpft in den Briefschreiber hinein Brandauer darf das. Zum einen, weil er ein Star ist. Zum anderen, weil er sich die Sache auch nicht einfach macht. Er agiert in den anderthalb Stunden nicht in persona; er gibt den Bullinger. Nicht Brandauer kommentiert das Geschehen mit genüsslichen Gesten, verwerflich eindeutigen Seufzern und alles verstehenden Blicken, sondern der so warmherzige wie neunmalkluge Salzburger Grafenerzieher. Auf dieser Basis ist alles erlaubt. Und da ist dem Gast zu bescheinigen: Er geht nicht weiter, als nötig ist. Und bekennt zudem mit jedem Wimpernschlag, dass er Mozart liebt und bewundert. Was nichts daran ändert, dass Interessantes aus den Briefen unterbelichtet bleibt: die üppigen politischen Exkurse des Vaters etwa oder die kurzen, erhellenden Philosophien des Sohnes. Und was jener übers Komponieren und die eigene Musik sagt. Die nun kommt in Helmbrechts zu ihrem Recht. Das in Streichquartett-Besetzung plus Klavier und Klarinette antretende Ensemble des englischen Geigers Daniel Hope sorgt für atemberaubende Nachklänge der Briefe, demonstriert subtile Klangkultur, verströmt jene entwaffnende Einfachheit und Tiefe des Ausdrucks, die mit Mozart in die Musik kam. Brandauer, pardon Bullinger, bringt Letzteres auf den Punkt, als er nach all den gehauchten und geschrieenen, sprich leidlich ausgebeuteten Briefen noch einen ernsten Epilog hält. In jenem furchtbaren Salzburg, sagt er da, nahm etwas seinen Anfang, was das Abendland bis heute in einem guten Licht erscheinen lässt und – wenn überhaupt – nur mit sich selbst zu vergleichen ist. Nach langem, bewegendem Applaus wurde als Zugabe noch ein besonders „g’schamiger“ Brief ans Bäsle serviert. |